Personalwirtschaft Round Table

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Die Nachfrage nach IT-Experten sank zu Beginn der Corona- Krise zunächst stark, erholte sich nach knapp vierzehn Tagen, bewegt sich zurzeit aber noch unter Vor-Corona-Niveau. Fest angestellte ITler scheuen in diesen unsicheren Zeiten eher den Jobwechsel, während bei den am stärksten unter der Krise leidenden IT-Freiberuflern eine leichte Marktbereinigung zu beobachten ist. Die Fähigsten unter ihnen sind indessen noch etwas besser ausgelastet als zuvor. Schließlich mussten viele weniger digitalisierte Unternehmen zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen zur Aktivierung von Homeoffice-Arbeitsplätzen für ihre Mitarbeiter schaffen, was insgesamt der Branche zugutekommt. Vertragsverhandlungen und Verträge mit ausländischen Fachkräften gerieten wegen Corona allerdings ins Stocken, weil steuerliche und arbeitsrechtliche Aspekte beim Arbeiten im ausländischen Homeoffice teilweise ungeklärt sind. Behinderungen bei der Ausreise ausländischer Fachkräfte mit auslaufenden Zeitverträgen mussten ebenfalls geklärt werden.

 

Rekrutierung über alle Kanäle

 

Zurzeit besonders nachgefragt sind neben Front- und Backoffice- auch Webentwickler und, wie immer, die Programmierer und Coder. Manche Geschäftsmodelle, beispielsweise des Schulungsanbieters Academic Work Academy, der Quereinsteiger zu Full-Stack-Entwicklern ausbildet, leiden besonders unter der aktuellen Situation. Nicht zuletzt weil Kunden zurzeit lieber auf bewährte Praktiker zurückgreifen. Zur Nachfragedeckung bedienen sich alle Teilnehmer in der Regel einer Multi-Channel-Strategie, die alle verfügbaren Kanäle, teilweise unterstützt durch Storytelling, beinhaltet. Während auch neue Kanäle wie Stackoverflow oder Reddit in die engere Wahl einfließen, verlieren die beiden professionellen Plattformen Xing und Linkedin an Attraktivität für die Rekrutierung dieser speziellen Zielgruppe. Aufgrund des hohen Aufwands im Vergleich zum Ergebnis wird der Rotstift vereinzelt im Active Sourcing angesetzt.

 

Anne Nicolai, Head of Recruiting und Services der top itservices AG, als Expertin des Round Tabels:

„Geld ist ein wichtiger Faktor, aber auch die eingesetzte Technologie spielt eine wichtige Rolle bei der Projektattraktivität.“ 

 

IT-Recruiting benötigt viel Erfahrung

 

Wer IT-Recruiting betreibt, muss sich im Klaren darüber sein, dass ITler eine besondere Zielgruppe sind, die gerne in Stellenausschreibungen kurze, knackige Sätze lesen. Auch Anforderungen wie das Stichwort „Dokumentation“ in der Ausschreibung oder für einen ITler widersprüchliche Anforderungsprofile machen eine Stellenanzeige uninteressant. Hier ist viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung gefragt, um erfolgreich zu rekrutieren. Wichtig in diesem Kontext ist auch die persönliche Kommunikation. Bis auf wenige Ausnahmen sollten die infrage kommenden IT-Fachkräfte (je nach Seniorität und Unternehmenskultur) nicht mit dem „Du“ angesprochen werden. Was im Hochschul-Recruiting oder häufig bei Start-ups zum guten Ton zählt, kann beispielsweise bei der Suche nach erfahrenen Programmierern das Gegenteil bewirken und potenzielle Interessenten eher abschrecken. Es gilt daher als Vermittler stets eine professionelle Distanz bei der Ansprache von Kandidaten zu wahren. Ein gutes Gehalt ist nicht alles Kann ein Gehaltsangebot, das weit über dem bisherigen liegt, einen Entwickler dazu bringen, seinen Arbeitsplatz zu wechseln? Die Antwort: Es kommt darauf an. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann vielleicht. Amazon versuchte es beispielsweise, hatte aber nur wenig Erfolg. ITler legen in der Regel mehr Wert auf ein eher herausforderndes Umfeld, das Arbeitgeberimage muss stimmen und auch die Arbeitsplatzssicherheit oder ein Umfeld, in dem man neue Technologien kennenlernen kann, sind oft gewichtigere Argumente. Davon und von dieser speziellen Zielgruppe unabhängig spielen auch weiche Faktoren eine wichtige Rolle. Beispielsweise, ob man für ein hohes Gehalt gegebenenfalls bereit ist, den Lebensmittelpunkt räumlich zu verlagern. Nicht zuletzt kommt es auch darauf an, wie die Familie einer möglichen grundsätzlichen Änderung der Lebensumstände gegenübersteht. Die Tendenzen bei Freiberuflern verlaufen eher diametral zu denen der Festangestellten, denn Kunden fragen diese teilweise sogar nach einer Reduzierung ihrer Honorare. Bei beiden Zielgruppen spielt infolgedessen das Sicherheitsdenken zurzeit eine zentrale Rolle. Techniklust fördern Um der Knappheit an IT-Fachkräften grundsätzlich entgegenzuwirken, ist es sinnvoll, die Affinität zur IT und zu den übrigen MINT-Berufen, in denen ebenfalls ein signifikanter Fachkräftemangel herrscht, zu fördern. Dazu sollte nach einhelliger Ansicht der Anwesenden bereits im schulischen Alltag die Begeisterung für diese Bereiche gefördert werden. Eine weithin mangelnde Bereitschaft und auch fehlende Kenntnis der Materie seitens großer Teile des Lehrkörpers verhindern hier Fortschritte, die die engagierten Lehrer nicht auffangen können. Ein möglicher Weg könnte ebenfalls die Förderung dualer Studiengänge oder auch mehr IT-Berufspraktika sein. Die Frage danach, ob das geringe Interesse an diesen Fächern ein deutsches Problem sein könnte, lässt sich indessen eher mit Nein beantworten. Grundsätzlich könnten die Ursache auch ganz woanders liegen: andere Schwerpunkte jüngerer Generationen und ein grundsätzlich mangelndes Interesse an derlei Themen.

 

Die sechs wichtigsten Erkenntnisse des Round Tables

 

  1. Die Vorsicht drückt die Nachfrage, die zu Anfang der Krise stark rückläufig war. Sie erholt sich aber schnell, doch das Vor-Corona-Niveau ist noch lange nicht erreicht.
  2. Massives Arbeiten im Homeoffice steigert die Nachfrage für Experten im Front- und Backoffice-Bereich.
  3. Ein Multi-Channel-Ansatz verspricht die besten Chancen, wobei sich die Präferenzen gegenüber den großen Businessnetzwerken verschieben. Kanäle wie Stackoverflow und Reddit kommen partiell hinzu.
  4. ITler benötigen eine kurze, knackige Ansprache. Dazu ist viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung erforderlich.
  5. Hohes Gehalt alleine ist selten ein Entscheidungskriterium für den Jobwechsel. Viele Parameter beeinflussen den Wechselwillen. IT-Freiberufler lassen sich teilweise auf niedrigere Preise ein.
  6. Um speziell den MINT-Fachkräftemangel zu entschärfen, müssten vor allem grundlegende Veränderungen in den Schulen stattfinden. 
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